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Wechselrichter-Anforderungen nach VDE-AR-N 4105: Was Installateure wissen mussen

Kompletter Leitfaden zu Wechselrichter-Zulassungen: Einheitenzertifikat, Blindleistungsregelung, Frequenzschutz, ENS und Firmware-Updates. Mit geprufter Gerateliste.

Rainer Neumann

Verfasst von

Rainer Neumann

Content Head · SurgePV

Keyur Rakholiya

Geprüft von

Keyur Rakholiya

CEO & Co-Founder · SurgePV

Veröffentlicht ·Zuletzt geprüft ·Regulierungsbehörde: VDE / DKE

Der Wechselrichter ist das Herzstuck jeder Photovoltaikanlage. Er wandelt den vom Solarmodul erzeugten Gleichstrom in netzkompatiblen Wechselstrom um und regelt die Einspeisung in das offentliche Stromnetz. Doch nicht jeder Wechselrichter darf in Deutschland ans Netz. Die VDE-AR-N 4105 legt strenge technische Anforderungen fest, die jeder Wechselrichter erfullen muss. Installateure, die diese Regeln ignorieren, riskieren einen Anschlussverweigerung durch den Netzbetreiber.

Regulatorische Ubersicht

NormVDE-AR-N 4105
ZertifikatEinheitenzertifikat Pflicht
Schutzfunktionen5 Pflichtfunktionen
Gultig furNS-Netz <135 kW
PrufstelleVDE / TUV / DEKRA

Nur zertifizierte Wechselrichter durfen ans Netz

Wechselrichter ohne gultiges Einheitenzertifikat nach VDE-AR-N 4105 werden von deutschen Netzbetreibern nicht angeschlossen. Das Zertifikat muss vor Inbetriebnahme vorliegen und beim Netzbetreiber eingereicht werden. Ein nachtraglicher Anschluss ohne Zertifikat ist nicht moglich.

Warum VDE-AR-N 4105-Konformitat Pflicht ist

Die VDE-AR-N 4105 ist die zentrale technische Regel fur den Anschluss von Erzeugungsanlagen an das Niederspannungsnetz in Deutschland. Sie wurde vom VDE zusammen mit dem DKE entwickelt und ist fur alle Anlagen bis 135 kW Leistung verbindlich. Der Gesetzgeber hat diese Norm in das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und die Stromnetzzugangsverordnung (StromNZV) eingebunden. Das bedeutet: Wer einen Wechselrichter ohne Zertifikat betreibt, verstosst gegen geltendes Recht.

Die Norm dient einem zentralen Ziel: der Netzstabilitat. Deutschland hat mittlerweile uber 80 GW installierte Photovoltaikleistung. Diese Masse an dezentralen Erzeugern kann das Netz massiv belasten, wenn die Gerate nicht korrekt regeln. Die VDE-AR-N 4105 stellt sicher, dass Wechselrichter bei Spannungsschwankungen, Frequenzabweichungen oder Netzausfallen sofort reagieren und die Anlage sicher abschalten.

Netzbetreiber uberprufen bei jedem Anschlussantrag das Einheitenzertifikat des Wechselrichters. Sie prufen auch, ob die eingestellten Parameter den technischen Anschlussbedingungen (TAB) des jeweiligen Netzgebiets entsprechen. Abweichungen fuhren zur Ablehnung des Antrags. Fur Installateure bedeutet das: Die Wahl des richtigen Wechselrichters und die korrekte Konfiguration sind entscheidend fur den Projekterfolg.

Einheitenzertifikat: Was es ist und wie man es pruft

Das Einheitenzertifikat ist ein Prufzeugnis des Herstellers. Es bestatigt, dass ein bestimmter Wechselrichter-Typ die Anforderungen der VDE-AR-N 4105 erfullt. Das Zertifikat wird vom Hersteller selbst ausgestellt, basierend auf Prufungen durch akkreditierte Prufstellen wie VDE, TUV oder DEKRA.

Wo finden Installateure das Zertifikat? Die meisten Hersteller veroffentlichen das Einheitenzertifikat auf ihrer Website im Download-Bereich. Es ist typischerweise als PDF verfugbar und enthalt die Typbezeichnung des Wechselrichters, die gepruften Parameter und die Gultigkeit. Einige Hersteller integrieren das Zertifikat auch in ihre Produktdatenblatter.

Die VDE-Prufstellensuche bietet eine weitere Moglichkeit zur Verifikation. Installateure konnen dort nach dem Hersteller oder dem Wechselrichter-Modell suchen und das Zertifikat herunterladen. Dies ist besonders nutzlich, wenn das Zertifikat auf der Hersteller-Website nicht auffindbar ist.

Bei der Prufung sollten Installateure auf folgende Punkte achten:

  • Die Typbezeichnung auf dem Zertifikat muss exakt mit der auf dem Wechselrichter ubereinstimmen
  • Das Zertifikat muss auf die aktuelle Version der VDE-AR-N 4105 ausgestellt sein
  • Die Prufstelle muss akkreditiert sein (VDE, TUV, DEKRA)
  • Das Zertifikat darf nicht abgelaufen sein

Blindleistungsregelung: cos phi(P)-Kennlinie

Die Blindleistungsregelung ist eine der wichtigsten Anforderungen der VDE-AR-N 4105. Sie sorgt dafur, dass der Wechselrichter nicht nur Wirkleistung, sondern auch Blindleistung in das Netz einspeist oder aufnimmt. Das ist notwendig, um die Spannungsqualitat im Netz zu erhalten.

Die Norm schreibt eine cos phi(P)-Kennlinie vor. Das bedeutet: Der Leistungsfaktor cos phi hangt von der aktuellen Wirkleistung ab. Bei niedriger Einspeiseleistung arbeitet der Wechselrichter mit einem cos phi von 1,0. Bei hoherer Leistung muss er Blindleistung liefern oder aufnehmen, um die Netzspannung zu stabilisieren.

Die typischen Einstellwerte sind:

  • Bei 0-50% der Nennleistung: cos phi = 1,0
  • Bei 50-100% der Nennleistung: cos phi sinkt linear auf 0,95
  • Die Blindleistung kann induktiv oder kapazitiv sein

Die genauen Werte entnehmen Installateure den technischen Anschlussbedingungen des jeweiligen Netzbetreibers. Die TAB konnen von den Standardwerten der VDE-AR-N 4105 abweichen. Es ist wichtig, die Wechselrichter-Einstellungen exakt nach den TAB-Vorgaben zu konfigurieren.

Frequenz- und Spannungsschutzfunktionen

Die Frequenz- und Spannungsuberwachung ist der Kern des Netz- und Anlagenschutzes. Der Wechselrichter muss die Netzfrequenz und die Spannung permanent messen und bei Abweichungen uber definierte Schwellenwerte sofort die Einspeisung unterbrechen.

Die VDE-AR-N 4105 definiert folgende Abschaltwerte:

ParameterUnterer GrenzwertOberer GrenzwertAbschaltzeit
Frequenz47,5 Hz51,5 HzSofort
Spannung (Un)0,8 x Un1,15 x Un0,2 s
Spannung (Un)-1,10 x Un10 min

Die Abschaltzeiten sind kritisch. Bei einer Frequenz uber 51,5 Hz oder unter 47,5 Hz muss der Wechselrichter sofort abschalten. Bei Spannungsuberschreitungen uber 1,15-facher Nennspannung ist die Abschaltzeit auf 0,2 Sekunden begrenzt. Diese schnellen Reaktionszeiten schutzen das Netz vor Schaden und verhindern, dass die Anlage bei Netzstorungen weiter einspeist.

Installateure mussen bei der Inbetriebnahme prufen, ob die Schutzfunktionen korrekt arbeiten. Das geschieht typischerweise durch Simulation von Frequenz- und Spannungsabweichungen mit einem Prufgerat. Die Prufprotokolle sind Teil des Anschlussantrags.

ENS (Entkupplungsschutz)

Die ENS (Einrichtung zur Netz- und Anlagenschutzuberwachung) ist der lokale Schutzmechanismus im Wechselrichter. Sie uberwacht das Netz auf Inselbetrieb und schaltet die Anlage ab, wenn das Netz nicht mehr vorhanden ist. Das verhindert, dass die PV-Anlage bei einem Netzausfall weiter Strom in das abgeschaltete Netz einspeist.

Die ENS arbeitet mit zwei Methoden:

Aktive Methoden: Der Wechselrichter uberlagert dem Netz ein kleines Frequenz- oder Spannungssignal. Wenn das Netz aktiv ist, wird dieses Signal durch die Netzimpedanz gedampft. Bei Netzausfall bleibt das Signal bestehen, und der Wechselrichter erkennt den Inselbetrieb.

Passive Methoden: Der Wechselrichter uberwacht kontinuierlich Frequenz, Spannung und Phasensprung. Bei einem plotzlichen Wechsel dieser Parameter schaltet er ab. Passive Methoden sind schneller, aber weniger zuverlassig als aktive Methoden.

Die meisten modernen Wechselrichter kombinieren beide Methoden. Die VDE-AR-N 4105 schreibt vor, dass die ENS innerhalb von 5 Sekunden nach Netzausfall die Anlage abschalten muss. Diese Zeit ist so bemessen, dass kein gefahrlicher Inselbetrieb entstehen kann.

Wirkleistungsreduktion bei Uberfrequenz

Die Wirkleistungsreduktion bei Uberfrequenz ist eine relativ neue Anforderung, die mit der zunehmenden PV-Durchdringung wichtiger geworden ist. Wenn die Netzfrequenz uber 50,2 Hz steigt, muss der Wechselrichter seine Einspeiseleistung reduzieren.

Die Regelung funktioniert linear: Bei 50,2 Hz speist der Wechselrichter noch 100% seiner Leistung ein. Bei 51,5 Hz muss die Einspeisung auf 0% reduziert sein. Dazwischen nimmt die Leistung linear ab. Das entlastet das Netz bei Uberfrequenzsituationen, die typischerweise auftreten, wenn viel erneuerbare Energie eingespeist wird und die Nachfrage gering ist.

Diese Funktion wird oft als “50,2-Hz-Regelung” bezeichnet. Sie wurde eingefuhrt, nachdem das alte System mit fester Abschaltung bei 50,2 Hz zu massiven Leistungseinbruchen fuhrte. Die neue lineare Regelung ist netzfreundlicher und verhindert abrupte Leistungsabfalle.

Installateure mussen sicherstellen, dass die Wirkleistungsreduktion im Wechselrichter aktiviert ist. Die Einstellung ist typischerweise im Servicemenu des Wechselrichters zu finden. Die genauen Parameter entnehmen Sie der technischen Dokumentation des Herstellers.

Firmware und Updates

Firmware-Updates sind ein oft ubersehener, aber wichtiger Aspekt der VDE-Konformitat. Die VDE-AR-N 4105 wird regelma?ig aktualisiert, um neue technische Entwicklungen zu berucksichtigen. Hersteller passen ihre Wechselrichter-Firmware an diese neuen Anforderungen an.

Ein Beispiel: Die 50,2-Hz-Regelung wurde nachtraglich in viele Wechselrichter per Firmware-Update integriert. Installateure, die altere Wechselrichter einsetzen, sollten prufen, ob ein Update verfugbar ist. Viele Hersteller bieten kostenlose Updates auf ihrer Website an.

Die Dokumentation der Firmware-Version ist wichtig. Bei einer Prufung durch den Netzbetreiber oder eine Behordenstelle mussen Installateure nachweisen konnen, welche Firmware-Version auf dem Wechselrichter installiert ist. Die Versionsnummer findet sich typischerweise im Display-Menu oder im Webinterface des Gerats.

Es gibt Falle, in denen altere Wechselrichter nicht mehr updatefahig sind. Das betrifft vor allem Gerate, die vor 2011 hergestellt wurden. In solchen Fallen muss der Installateur prufen, ob die vorhandene Firmware die aktuellen Anforderungen erfullt. Wenn nicht, ist ein Wechselrichter-Tausch die einzige Option.

VDE-zertifizierte Wechselrichter: Beispiele

Der Markt fur VDE-zertifizierte Wechselrichter ist gross. Fast alle namhaften Hersteller bieten Modelle mit Einheitenzertifikat an. Die folgende Tabelle zeigt eine Auswahl gangiger Wechselrichter mit ihren wichtigsten Eigenschaften.

HerstellerModellNennleistungENSRSEBesonderheit
SMASunny Boy 3.0-6.03-6 kWIntegriertOptionalMarktfuhrer, umfangreiche Dokumentation
FroniusSymo 3.0-3-M3-20 kWIntegriertIntegriertSnapINverter-Technologie
HuaweiSUN2000-3-20KTL3-20 kWIntegriertIntegriertSmart PV-Optimierung
SolarEdgeSE3680H3,68 kWIntegriertIntegriertPower-Optimierer-Kompatibilitat
KostalPIKO 3.0-203-20 kWIntegriertOptionalDeutscher Hersteller
SungrowSG5.0RT5 kWIntegriertIntegriertKostengunstig, gute Verfugbarkeit
GrowattMIN 3000-10000TL-X3-10 kWIntegriertOptionalPreiswerte Einsteigergerate

Bei der Auswahl eines Wechselrichters sollten Installateure nicht nur auf das Einheitenzertifikat achten. Auch die Verfugbarkeit von Ersatzteilen, die Qualitat des technischen Supports und die Garantiebedingungen sind wichtig. Ein Wechselrichter hat eine Lebensdauer von 10-15 Jahren. In dieser Zeit kann es zu Reparaturen oder Firmware-Updates kommen.

Die RSE-Schnittstelle (Regenerative Steuer Einheit) ist bei einigen Modellen optional. Sie ermoglicht dem Netzbetreiber, die Anlage fernzusteuern. Das ist besonders bei grosseren Anlagen wichtig, da die Betreiber so die Einspeisemenge regulieren konnen. Installateure sollten prufen, ob der Netzbetreiber eine RSE-Schnittstelle fordert.

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Fazit

Die VDE-AR-N 4105 legt strenge, aber notwendige Anforderungen an Wechselrichter fest. Das Einheitenzertifikat ist die zentrale Nachweispflicht. Ohne dieses Zertifikat gibt es keinen Netzanschluss. Installateure sollten vor Projektbeginn immer prufen, ob der gewahlte Wechselrichter zertifiziert ist.

Die funf Pflichtfunktionen – Frequenz- und Spannungsschutz, Blindleistungsregelung, ENS, Wirkleistungsreduktion und RSE-Schnittstelle – sind technisch anspruchsvoll, aber bei modernen Wechselrichtern standardmassig integriert. Die korrekte Konfiguration dieser Funktionen nach den TAB des Netzbetreibers ist entscheidend.

Firmware-Updates durfen nicht vernachlassigt werden. Sie stellen sicher, dass Wechselrichter auch bei sich andernden VDE-Anforderungen konform bleiben. Installateure sollten einen regelmassigen Update-Check in ihre Wartungsroutinen integrieren.

Wer die VDE-AR-N 4105 konsequent beachtet, vermeidet Anschlussverweigerungen, gewahrleistet die Netzstabilitat und schutzt sich vor rechtlichen Problemen. Die Investition in einen zertifizierten Wechselrichter und die sorgfaltige Dokumentation zahlen sich aus.

About the Contributors

Author
Rainer Neumann
Rainer Neumann

Content Head · SurgePV

Rainer Neumann is Content Head at SurgePV and a solar PV engineer with 10+ years of experience designing commercial and utility-scale systems across Europe and MENA. He has delivered 500+ installations, tested 15+ solar design software platforms firsthand, and specialises in shading analysis, string sizing, and international electrical code compliance.

Editor
Keyur Rakholiya
Keyur Rakholiya

CEO & Co-Founder · SurgePV

Keyur Rakholiya is CEO & Co-Founder of SurgePV and Founder of Heaven Green Energy Limited, where he has delivered over 1 GW of solar projects across commercial, utility, and rooftop sectors in India. With 10+ years in the solar industry, he has managed 800+ project deliveries, evaluated 20+ solar design platforms firsthand, and led engineering teams of 50+ people.

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