VDE-AR-N 4105 ist die zentrale technische Anschlussregel für Solaranlagen in Deutschland. Wer sie missachtet, riskiert Anschlussverweigerung, Netztrennung oder im Schadensfall den Versicherungsschutz. Dieser Guide erklärt die 2023 überarbeitete Fassung praxisnah für Installateure.
Alte Zertifikate gelten nicht mehr
Seit Januar 2024 sind für neue Anlagen nur noch Wechselrichter mit VDE-AR-N 4105:2023-Zertifikat zulässig. Alte Zertifikate von 2018/2019 gelten ausschließlich für Bestandsanlagen. Installateure, die ältere Wechselrichter einbauen, riskieren die Abnahmeverweigerung durch den Netzbetreiber.
Die Kernanforderungen im Überblick
VDE-AR-N 4105 regelt vier Bereiche: Blindleistung, Spannungshaltung, Schutztechnik und Kommunikation. Jeder Bereich hat spezifische Anforderungen, die je nach Anlagengröße variieren.
| Anlagengröße | Blindleistung | RSE-Schnittstelle | RCD-Typ | Spannungsband |
|---|---|---|---|---|
| Bis 4,6 kW | Keine | Nein | Typ A | 0,9–1,1 pU |
| 4,6–10,5 kW | Keine | Nein | Typ A | 0,9–1,1 pU |
| 10,5–30 kW | cos-phi 0,95 | Ja | Typ A/B | 0,9–1,1 pU |
| 30–100 kW | cos-phi 0,95 | Ja | Typ A/B | 0,9–1,1 pU |
| 100–135 kW | cos-phi 0,95 | Ja | Typ B | 0,9–1,1 pU |
Blindleistung: Die größte Änderung 2023
Die wichtigste Änderung in der 2023er Version ist die Blindleistungspflicht schon ab 10,5 kW. In der alten Version galt diese erst ab 30 kW. Für Installateure bedeutet das: Viel mehr Anlagen müssen jetzt Blindleistung bereitstellen.
Was der Wechselrichter können muss:
- Statische Blindleistungsvorgabe: cos-phi von 0,95 übererregt (induktiv) bis 0,95 untererregt (kapazitiv)
- Dynamische Blindleistungsregelung nach Kennlinie Q(U) bei Anlagen über 30 kW
- Reaktionszeit auf Sollwertänderung: maximal 10 Sekunden
Was das in der Praxis bedeutet:
Die meisten modernen Wechselrichter ab 8 kW beherrschen die Blindleistung ab Werk. Die Einstellung erfolgt über das Wechselrichter-Portal. Der Netzbetreiber gibt vor, welcher cos-phi-Wert eingestellt werden muss. In der Regel ist cos-phi = 1 (keine Blindleistung) die Standardvorgabe, aber einige Betreiber verlangen cos-phi = 0,95 untererregt.
Praxis-Tipp: Blindleistungs-Voreinstellung
Stellen Sie den Wechselrichter auf cos-phi = 1 vor. Das ist in 90% der Fälle korrekt. Nur wenn der Netzbetreiber ausdrücklich einen anderen Wert vorschreibt, ändern Sie die Einstellung. Notieren Sie die eingestellten Werte im Übergabeprotokoll für den Kunden.
Wechselrichter-Zertifizierung: Was gültig ist
Jeder Wechselrichter in Deutschland braucht ein VDE-AR-N 4105-Zertifikat. Das Zertifikat bestätigt, dass der Wechselrichter alle technischen Anforderungen der Norm erfüllt.
Zertifikatskomponenten
Ein vollständiges Zertifikat umfasst:
- Teil 1 — Typenzulassung: Bestätigt durch VDE-Prüfinstitut
- Teil 2 — Einzelanlagenprüfung: Vom Installateur durchgeführt und dokumentiert
- Teil 3 — Wiederkehrende Prüfung: Alle 4 Jahre für Bestandsanlagen
Für die Installation ist nur Teil 1 relevant — und der liegt beim Hersteller vor. Der Installateur muss das Zertifikat vom Hersteller oder Lieferanten erhalten und für die Abnahme vorlegen.
Wichtige Wechselrichter-Hersteller mit VDE-4105-2023-Zertifikat
| Hersteller | Serie | Max. AC-Leistung | Blindleistung ab |
|---|---|---|---|
| SMA | Sunny Tripower X | 25 kW | 8 kW |
| Fronius | Symo GEN24 Plus | 15 kW | 6 kW |
| Huawei | SUN2000 | 100 kW | 5 kW |
| SolarEdge | SE Home Hub | 11,4 kW | 7,65 kW |
| KOSTAL | plenticore Plus | 10 kW | 3 kW |
| Growatt | MAX | 100 kW | 10 kW |
Hinweis: Diese Liste ist nicht abschließend. Prüfen Sie vor jeder Installation das aktuelle Zertifikat beim Hersteller.
Schutztechnik: RCD, Überspannung und DC-Fehlerstrom
Die Schutztechnik ist der Bereich, in dem die meisten Installationsfehler passieren. VDE-AR-N 4105 gibt klare Vorgaben — die aber oft übersehen werden.
RCD-Auswahl
| Anlagenkonfiguration | Erforderlicher RCD-Typ | Begründung |
|---|---|---|
| Einphasig, bis 6 kW | Typ A | Geglätteter DC-Fehlerstrom ≤ 6 mA |
| Dreiphasig, bis 30 kW | Typ A | Moderne Wechselrichter filtern DC-Fehlerströme |
| Mit DC-parallelgeschalteten Strings | Typ B | DC-Fehlerstrom kann über 10 mA betragen |
| Transformatorlose Topologie | Typ B | Höheres Risiko für DC-Fehlerströme |
Der RCD muss mit einer Nennfehlerstromdifferenz von 300 mA ausgeführt sein (Brandvermeidung). Zusätzlich ist ein RCD mit 30 mA für Steckdosenkreise erforderlich.
Überspannungsschutz
VDE-AR-N 4105 verlangt Überspannungsschutz in drei Stufen:
- Typ 1+2 am Wechselrichter: Ableiter mit ≥ 12,5 kA Ableitvermögen
- Typ 2 an den DC-Strings: Je String ein DC-Überspannungsableiter
- Typ 3 im Hausverteiler: Feinschutz für sensible Verbraucher
Der Typ-1-Ableiter am Wechselrichter ist Pflicht für alle Anlagen. Er schützt vor Überspannungen, die vom Netz in die Anlage eindringen. Bei Gewittergebieten (Süddeutschland, Alpenrand) sollte ein höheres Ableitvermögen gewählt werden.
DC-Fehlerstrom-Überwachung
Moderne Wechselrichter haben integrierte DC-Fehlerstrom-Überwachung (RCMU). Diese überwacht den DC-Fehlerstrom zwischen PV-Generator und Wechselrichter. Bei Überschreitung von 30 mA muss der Wechselrichter innerhalb von 0,3 Sekunden abschalten.
Die RCMU ist kein Ersatz für den RCD, sondern eine zusätzliche Schutzschicht. Beide Systeme müssen vorhanden sein.
Spannungshaltung und Frequenzregelung
VDE-AR-N 4105 schreibt vor, wie sich der Wechselrichter bei Netzstörungen verhalten muss. Das ist entscheidend für die Netzstabilität.
Spannungshaltungsbereich
Der Wechselrichter muss im Spannungsbereich von 0,85 pU bis 1,15 pU stabil betrieben werden können. Das entspricht:
- Minimum: 195,5 V (einphasig) / 339 V (dreiphasig)
- Maximum: 264,5 V (einphasig) / 460 V (dreiphasig)
Bei Überschreitung von 1,15 pU muss der Wechselrichter innerhalb von 0,2 Sekunden vom Netz trennen. Bei Unterschreitung von 0,85 pU ist die Trennung nach 3 Sekunden vorgeschrieben.
Frequenzregelung
| Frequenzbereich | Reaktion | Zeit |
|---|---|---|
| 47,5–50,2 Hz | Normalbetrieb | Dauerhaft |
| 50,2–51,5 Hz | Leistungsreduzierung | Proportional |
| > 51,5 Hz | Sofortige Trennung | < 0,2 s |
| < 47,5 Hz | Sofortige Trennung | < 0,2 s |
Die Frequenz-Wirkleistungs-Regelung ist besonders wichtig bei hoher PV-Einspeisung. Wenn die Netzfrequenz über 50,2 Hz steigt, muss der Wechselrichter seine Leistung reduzieren. Das geschieht automatisch und ist in allen zertifizierten Geräten implementiert.
RSE-Schnittstelle: Fernsteuerung durch den Betreiber
RSE steht für “Regel- und Steuerungseinheit”. Ab 7 kW Anlagenleistung muss jede Solaranlage eine RSE-Schnittstelle besitzen.
Was die RSE kann
Die RSE-Schnittstelle ermöglicht dem Netzbetreiber:
- Wirkleistungsreduzierung: Absenkung auf 0–100% der Nennleistung
- Blindleistungsvorgabe: Setzen eines bestimmten cos-phi-Werts
- Spannungsregelung: Dynamische Anpassung der Blindleistung nach Q(U)-Kennlinie
- Sofortige Abschaltung: Trennung der Anlage vom Netz bei Netzstörungen
Technische Umsetzung
Die RSE-Schnittstelle wird in der Regel über das Wechselrichter-Kommunikationsmodul realisiert. Moderne Wechselrichter nutzen:
- Ethernet/LAN: Kabelgebundene Verbindung zum Router
- WLAN: Funkverbindung zum Heimnetzwerk
- Mobilfunk (4G/5G): Direkte Verbindung ohne lokales Netzwerk
Der Netzbetreiber greift über eine gesicherte Internetverbindung auf die RSE zu. Die Datenübertragung ist verschlüsselt und erfolgt über standardisierte Protokolle (SunSpec Modbus TCP, IEEE 2030.5).
Datenschutz bei der RSE
Die RSE überträgt nur technische Betriebsdaten (Leistung, Spannung, cos-phi). Keine persönlichen Daten des Betreibers werden übermittelt. Die Datenübertragung erfolgt über verschlüsselte Verbindungen. Der Betreiber kann die Übertragung in der Wechselrichter-App überwachen.
Konformitätsnachweis: Die Teil-2-Erklärung
Jede neue Anlage braucht eine Konformitätserklärung nach VDE-AR-N 4105-Teil 2. Diese Erklärung wird vom Installateur ausgestellt und an den Netzbetreiber übergeben.
Inhalt der Erklärung
Konformitätserklärung nach VDE-AR-N 4105-2
Anlagenstandort: [Adresse]
Anlagenleistung AC: [kW]
Wechselrichter: [Hersteller, Typ, Seriennummer]
Zertifikatsnummer: [VDE-AR-N 4105-1]
RCD-Typ: [Typ A / Typ B]
Überspannungsschutz: [Typ 1+2 installiert]
RSE-Schnittstelle: [Ja / Nein, begründet]
Blindleistungseinstellung: [cos-phi = x,xx]
Prüfung nach DGUV V3: [Datum, Ergebnis]
Installateur: [Name, Unternehmen]
Datum: [DD.MM.YYYY]
Unterschrift: _______________
Häufige Fehler in der Erklärung
| Fehler | Konsequenz |
|---|---|
| Falsche Zertifikatsnummer | Rückfrage vom Betreiber |
| Fehlende Unterschrift | Anschlussverzögerung |
| DC statt AC-Leistung | Falsche Bewertung der Anforderungen |
| Veraltetes Zertifikat (2018) | Abnahmeverweigerung |
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Prüfliste vor der Inbetriebnahme
Verwenden Sie diese Checkliste, bevor Sie die Anlage beim Netzbetreiber anmelden:
- Wechselrichter-Zertifikat (VDE-AR-N 4105:2023) vorhanden und gültig
- Blindleistungsbereich des Wechselrichters ≥ cos-phi 0,95 bis 0,95
- RCD richtig dimensioniert (Typ A oder B je nach Anlage)
- RSE-Schnittstelle konfiguriert (ab 7 kW)
- Überspannungsschutz Typ 1+2 installiert
- DC-Fehlerstrom-Überwachung (RCMU) aktiv
- Isolationswiderstand > 1 MΩ (DC-Seite)
- Schutzleiterwiderstand < 1 Ω e- [ ] RCD-Funktionsprüfung erfolgreich
- Einzeiliger Schaltplan vorhanden
- Konformitätserklärung (Teil 2) ausgefüllt und unterschrieben