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VDE-AR-N 4105 2023: Kompletter Leitfaden für den deutschen Solar-Netzanschluss

VDE-AR-N 4105 erklart für Installateure: Blindleistung, Spannungshaltung, Schutztechnik, RSE-Schnittstelle und Konformitätsnachweis. Mit Prüflisten und typischen Fehlern.

Rainer Neumann

Verfasst von

Rainer Neumann

Content Head · SurgePV

Keyur Rakholiya

Geprüft von

Keyur Rakholiya

CEO & Co-Founder · SurgePV

Veröffentlicht ·Zuletzt geprüft ·Regulierungsbehörde: VDE / DKE

VDE-AR-N 4105 ist die zentrale technische Anschlussregel für Solaranlagen in Deutschland. Wer sie missachtet, riskiert Anschlussverweigerung, Netztrennung oder im Schadensfall den Versicherungsschutz. Dieser Guide erklärt die 2023 überarbeitete Fassung praxisnah für Installateure.

Norm
VDE-AR-N 4105:2023-05
Herausgeber
Geltungsbereich
Erzeugungsanlagen am Niederspannungsnetz bis 135 kW
Spannungsebene
400 V Drehstrom / 230 V Einphasig
Vorgängerversion
VDE-AR-N 4105:2018-11 (nicht mehr für Neuanlagen gültig)
Zuletzt geprüft
Mai 2026

Alte Zertifikate gelten nicht mehr

Seit Januar 2024 sind für neue Anlagen nur noch Wechselrichter mit VDE-AR-N 4105:2023-Zertifikat zulässig. Alte Zertifikate von 2018/2019 gelten ausschließlich für Bestandsanlagen. Installateure, die ältere Wechselrichter einbauen, riskieren die Abnahmeverweigerung durch den Netzbetreiber.

Die Kernanforderungen im Überblick

VDE-AR-N 4105 regelt vier Bereiche: Blindleistung, Spannungshaltung, Schutztechnik und Kommunikation. Jeder Bereich hat spezifische Anforderungen, die je nach Anlagengröße variieren.

AnlagengrößeBlindleistungRSE-SchnittstelleRCD-TypSpannungsband
Bis 4,6 kWKeineNeinTyp A0,9–1,1 pU
4,6–10,5 kWKeineNeinTyp A0,9–1,1 pU
10,5–30 kWcos-phi 0,95JaTyp A/B0,9–1,1 pU
30–100 kWcos-phi 0,95JaTyp A/B0,9–1,1 pU
100–135 kWcos-phi 0,95JaTyp B0,9–1,1 pU

Blindleistung: Die größte Änderung 2023

Die wichtigste Änderung in der 2023er Version ist die Blindleistungspflicht schon ab 10,5 kW. In der alten Version galt diese erst ab 30 kW. Für Installateure bedeutet das: Viel mehr Anlagen müssen jetzt Blindleistung bereitstellen.

Was der Wechselrichter können muss:

  • Statische Blindleistungsvorgabe: cos-phi von 0,95 übererregt (induktiv) bis 0,95 untererregt (kapazitiv)
  • Dynamische Blindleistungsregelung nach Kennlinie Q(U) bei Anlagen über 30 kW
  • Reaktionszeit auf Sollwertänderung: maximal 10 Sekunden

Was das in der Praxis bedeutet:

Die meisten modernen Wechselrichter ab 8 kW beherrschen die Blindleistung ab Werk. Die Einstellung erfolgt über das Wechselrichter-Portal. Der Netzbetreiber gibt vor, welcher cos-phi-Wert eingestellt werden muss. In der Regel ist cos-phi = 1 (keine Blindleistung) die Standardvorgabe, aber einige Betreiber verlangen cos-phi = 0,95 untererregt.

Praxis-Tipp: Blindleistungs-Voreinstellung

Stellen Sie den Wechselrichter auf cos-phi = 1 vor. Das ist in 90% der Fälle korrekt. Nur wenn der Netzbetreiber ausdrücklich einen anderen Wert vorschreibt, ändern Sie die Einstellung. Notieren Sie die eingestellten Werte im Übergabeprotokoll für den Kunden.

Wechselrichter-Zertifizierung: Was gültig ist

Jeder Wechselrichter in Deutschland braucht ein VDE-AR-N 4105-Zertifikat. Das Zertifikat bestätigt, dass der Wechselrichter alle technischen Anforderungen der Norm erfüllt.

Zertifikatskomponenten

Ein vollständiges Zertifikat umfasst:

  1. Teil 1 — Typenzulassung: Bestätigt durch VDE-Prüfinstitut
  2. Teil 2 — Einzelanlagenprüfung: Vom Installateur durchgeführt und dokumentiert
  3. Teil 3 — Wiederkehrende Prüfung: Alle 4 Jahre für Bestandsanlagen

Für die Installation ist nur Teil 1 relevant — und der liegt beim Hersteller vor. Der Installateur muss das Zertifikat vom Hersteller oder Lieferanten erhalten und für die Abnahme vorlegen.

Wichtige Wechselrichter-Hersteller mit VDE-4105-2023-Zertifikat

HerstellerSerieMax. AC-LeistungBlindleistung ab
SMASunny Tripower X25 kW8 kW
FroniusSymo GEN24 Plus15 kW6 kW
HuaweiSUN2000100 kW5 kW
SolarEdgeSE Home Hub11,4 kW7,65 kW
KOSTALplenticore Plus10 kW3 kW
GrowattMAX100 kW10 kW

Hinweis: Diese Liste ist nicht abschließend. Prüfen Sie vor jeder Installation das aktuelle Zertifikat beim Hersteller.

Schutztechnik: RCD, Überspannung und DC-Fehlerstrom

Die Schutztechnik ist der Bereich, in dem die meisten Installationsfehler passieren. VDE-AR-N 4105 gibt klare Vorgaben — die aber oft übersehen werden.

RCD-Auswahl

AnlagenkonfigurationErforderlicher RCD-TypBegründung
Einphasig, bis 6 kWTyp AGeglätteter DC-Fehlerstrom ≤ 6 mA
Dreiphasig, bis 30 kWTyp AModerne Wechselrichter filtern DC-Fehlerströme
Mit DC-parallelgeschalteten StringsTyp BDC-Fehlerstrom kann über 10 mA betragen
Transformatorlose TopologieTyp BHöheres Risiko für DC-Fehlerströme

Der RCD muss mit einer Nennfehlerstromdifferenz von 300 mA ausgeführt sein (Brandvermeidung). Zusätzlich ist ein RCD mit 30 mA für Steckdosenkreise erforderlich.

Überspannungsschutz

VDE-AR-N 4105 verlangt Überspannungsschutz in drei Stufen:

  1. Typ 1+2 am Wechselrichter: Ableiter mit ≥ 12,5 kA Ableitvermögen
  2. Typ 2 an den DC-Strings: Je String ein DC-Überspannungsableiter
  3. Typ 3 im Hausverteiler: Feinschutz für sensible Verbraucher

Der Typ-1-Ableiter am Wechselrichter ist Pflicht für alle Anlagen. Er schützt vor Überspannungen, die vom Netz in die Anlage eindringen. Bei Gewittergebieten (Süddeutschland, Alpenrand) sollte ein höheres Ableitvermögen gewählt werden.

DC-Fehlerstrom-Überwachung

Moderne Wechselrichter haben integrierte DC-Fehlerstrom-Überwachung (RCMU). Diese überwacht den DC-Fehlerstrom zwischen PV-Generator und Wechselrichter. Bei Überschreitung von 30 mA muss der Wechselrichter innerhalb von 0,3 Sekunden abschalten.

Die RCMU ist kein Ersatz für den RCD, sondern eine zusätzliche Schutzschicht. Beide Systeme müssen vorhanden sein.

Spannungshaltung und Frequenzregelung

VDE-AR-N 4105 schreibt vor, wie sich der Wechselrichter bei Netzstörungen verhalten muss. Das ist entscheidend für die Netzstabilität.

Spannungshaltungsbereich

Der Wechselrichter muss im Spannungsbereich von 0,85 pU bis 1,15 pU stabil betrieben werden können. Das entspricht:

  • Minimum: 195,5 V (einphasig) / 339 V (dreiphasig)
  • Maximum: 264,5 V (einphasig) / 460 V (dreiphasig)

Bei Überschreitung von 1,15 pU muss der Wechselrichter innerhalb von 0,2 Sekunden vom Netz trennen. Bei Unterschreitung von 0,85 pU ist die Trennung nach 3 Sekunden vorgeschrieben.

Frequenzregelung

FrequenzbereichReaktionZeit
47,5–50,2 HzNormalbetriebDauerhaft
50,2–51,5 HzLeistungsreduzierungProportional
> 51,5 HzSofortige Trennung< 0,2 s
< 47,5 HzSofortige Trennung< 0,2 s

Die Frequenz-Wirkleistungs-Regelung ist besonders wichtig bei hoher PV-Einspeisung. Wenn die Netzfrequenz über 50,2 Hz steigt, muss der Wechselrichter seine Leistung reduzieren. Das geschieht automatisch und ist in allen zertifizierten Geräten implementiert.

RSE-Schnittstelle: Fernsteuerung durch den Betreiber

RSE steht für “Regel- und Steuerungseinheit”. Ab 7 kW Anlagenleistung muss jede Solaranlage eine RSE-Schnittstelle besitzen.

Was die RSE kann

Die RSE-Schnittstelle ermöglicht dem Netzbetreiber:

  • Wirkleistungsreduzierung: Absenkung auf 0–100% der Nennleistung
  • Blindleistungsvorgabe: Setzen eines bestimmten cos-phi-Werts
  • Spannungsregelung: Dynamische Anpassung der Blindleistung nach Q(U)-Kennlinie
  • Sofortige Abschaltung: Trennung der Anlage vom Netz bei Netzstörungen

Technische Umsetzung

Die RSE-Schnittstelle wird in der Regel über das Wechselrichter-Kommunikationsmodul realisiert. Moderne Wechselrichter nutzen:

  • Ethernet/LAN: Kabelgebundene Verbindung zum Router
  • WLAN: Funkverbindung zum Heimnetzwerk
  • Mobilfunk (4G/5G): Direkte Verbindung ohne lokales Netzwerk

Der Netzbetreiber greift über eine gesicherte Internetverbindung auf die RSE zu. Die Datenübertragung ist verschlüsselt und erfolgt über standardisierte Protokolle (SunSpec Modbus TCP, IEEE 2030.5).

Datenschutz bei der RSE

Die RSE überträgt nur technische Betriebsdaten (Leistung, Spannung, cos-phi). Keine persönlichen Daten des Betreibers werden übermittelt. Die Datenübertragung erfolgt über verschlüsselte Verbindungen. Der Betreiber kann die Übertragung in der Wechselrichter-App überwachen.

Konformitätsnachweis: Die Teil-2-Erklärung

Jede neue Anlage braucht eine Konformitätserklärung nach VDE-AR-N 4105-Teil 2. Diese Erklärung wird vom Installateur ausgestellt und an den Netzbetreiber übergeben.

Inhalt der Erklärung

Konformitätserklärung nach VDE-AR-N 4105-2

Anlagenstandort: [Adresse]
Anlagenleistung AC: [kW]
Wechselrichter: [Hersteller, Typ, Seriennummer]
Zertifikatsnummer: [VDE-AR-N 4105-1]
RCD-Typ: [Typ A / Typ B]
Überspannungsschutz: [Typ 1+2 installiert]
RSE-Schnittstelle: [Ja / Nein, begründet]
Blindleistungseinstellung: [cos-phi = x,xx]
Prüfung nach DGUV V3: [Datum, Ergebnis]

Installateur: [Name, Unternehmen]
Datum: [DD.MM.YYYY]
Unterschrift: _______________

Häufige Fehler in der Erklärung

FehlerKonsequenz
Falsche ZertifikatsnummerRückfrage vom Betreiber
Fehlende UnterschriftAnschlussverzögerung
DC statt AC-LeistungFalsche Bewertung der Anforderungen
Veraltetes Zertifikat (2018)Abnahmeverweigerung

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Prüfliste vor der Inbetriebnahme

Verwenden Sie diese Checkliste, bevor Sie die Anlage beim Netzbetreiber anmelden:

  • Wechselrichter-Zertifikat (VDE-AR-N 4105:2023) vorhanden und gültig
  • Blindleistungsbereich des Wechselrichters ≥ cos-phi 0,95 bis 0,95
  • RCD richtig dimensioniert (Typ A oder B je nach Anlage)
  • RSE-Schnittstelle konfiguriert (ab 7 kW)
  • Überspannungsschutz Typ 1+2 installiert
  • DC-Fehlerstrom-Überwachung (RCMU) aktiv
  • Isolationswiderstand > 1 MΩ (DC-Seite)
  • Schutzleiterwiderstand < 1 Ω e- [ ] RCD-Funktionsprüfung erfolgreich
  • Einzeiliger Schaltplan vorhanden
  • Konformitätserklärung (Teil 2) ausgefüllt und unterschrieben

Häufig gestellte Fragen

About the Contributors

Author
Rainer Neumann
Rainer Neumann

Content Head · SurgePV

Rainer Neumann is Content Head at SurgePV and a solar PV engineer with 10+ years of experience designing commercial and utility-scale systems across Europe and MENA. He has delivered 500+ installations, tested 15+ solar design software platforms firsthand, and specialises in shading analysis, string sizing, and international electrical code compliance.

Editor
Keyur Rakholiya
Keyur Rakholiya

CEO & Co-Founder · SurgePV

Keyur Rakholiya is CEO & Co-Founder of SurgePV and Founder of Heaven Green Energy Limited, where he has delivered over 1 GW of solar projects across commercial, utility, and rooftop sectors in India. With 10+ years in the solar industry, he has managed 800+ project deliveries, evaluated 20+ solar design platforms firsthand, and led engineering teams of 50+ people.

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